Als ich Mitte 20 mit meiner besten Freundin im VW-Camper ihrer Eltern in Dänemark Ferien machte, war es um mich geschehen. Nach diesem fantastischen Urlaub wollte ich unbedingt einen eigenen Bus besitzen, damit ich jederzeit losfahren und überall übernachten könnte, wo ich wollte. So hätte ich zwei Urbedürfnisse auf einmal befriedigen können: Freiheit und Geborgenheit.
Doch es sollten noch weitere 20 Jahre vergehen, bis ich mir meinen Traum tatsächlich erfüllen würde…
Am Anfang war es mein schnarchender Ehemann, der mich indirekt davon abhielt, meinen Traum zu verwirklichen. Es war einfach unmöglich, im gleichen Raum zu schlafen – geschweige denn im gleichen Bus. Also stellte ich meinen Wunsch während der zehn Jahre unserer Ehe zurück. In den folgenden zehn Jahren nach unserer Trennung träumte ich immer wieder davon, mir einen Van mit einem Partner zu kaufen. Doch meine Liebschaften hatten entweder nicht denselben Traum wie ich oder es passte aus anderen Gründen nicht.
Ausserdem kamen mir meine Unentschlossenheit und mein Perfektionismus bzw. mein Verstand in die Quere. Ich nahm immer wieder Anläufe, recherchierte wie wild, um herauszufinden, welches Modell das beste wäre: Benziner oder Diesel, Hochdach, Flachdach oder Zeltdach, gebraucht oder neu… Ich machte Probefahrten, erkundigte mich bei Händlern, erstellte unzählige Pro-Contra-Listen – und kaufte doch kein Reisemobil.
Ich war jedes Mal enttäuscht von mir selbst, dass ich es nicht schaffte, mich zu entscheiden. Gleichzeitig blickte ich sehnsüchtig auf all die wunderschönen Camper, die mir am Wegrand oder auf der Strasse begegneten…
Im Sommer 2020 verabredete ich mich mit einem Mann zum ersten Date. Er fragte mich, mit welchem Gefährt er mich denn vom Bahnhof abholen sollte. „Was hast du denn zur Auswahl?“, fragte ich neugierig. „Cabrio, Motorrad oder Mini Cooper“, war seine Antwort. „Einen Camper hast du nicht?„, fragte ich frech. „Nein, leider nicht.“ Doch als ich ihm von meinem Traum eines alten VW-Bullis erzählte, griff er die Idee sofort auf und fand ein passendes Exemplar im Internet. Mein Herz schlug höher, als ich den Bus auf dem Foto sah und meine alte Sehnsucht erwachte erneut. Doch da wir in der Folge ein Paar wurden, musste ich einen Kompromiss eingehen: Er wünschte sich nämlich ein Fahrzeug, das sein Boot ziehen könnte. Ein alter VW-Bus schaffte das leider nicht, und so wurde es ein Jeep Wrangler, den wir gemeinsam zum Reisemobil umbauten.
Leider hielt unsere Beziehung jedoch nicht lange, sodass wir nie eine gemeinsame Reise unternahmen – und ich stand wieder ohne Partner und ohne Camper da…
Bevor mein damaliger Freund seinen Jeep kaufte, recherchierten wir gemeinsam im Internet und wägten verschiedene Möglichkeiten ab. Dabei entdeckte ich einen wunderschönen VW-Bus in Taigagrün. Er erfüllte all meine Wünsche: Er war alt (Jahrgang 1977), hoch genug, um darin stehen zu können, und hatte einen selbstgeschreinerten Holzausbau mit vielen tollen Details. Zudem war der Van sehr geräumig, da er ein Transporter (LT 31) war. Ich verliebte mich sofort in seine grün-gelb-karierten Vorhänge, die runden Scheinwerfer und die braunen Vordersitze.
Ein paar Monate nach unserer Trennung, im Januar 2021, kam mir dieser Bus plötzlich wieder in den Sinn. Mir wurde auf einmal klar, dass ich meinen Traum nicht von einem Mann abhängig machen wollte, sondern ihn mir endlich selbst erfüllen wollte. Ich hatte lange genug gewartet!
Die Corona-Pandemie und die Ängste vor einem Finanzcrash gaben mir zusätzlich den nötigen Kick. Die Furcht, all mein Erspartes zu verlieren, brachte mich dazu, etwas Greifbares besitzen zu wollen – etwas, das mir so schnell niemand wegnehmen konnte. Ausserdem gab es mir die Sicherheit, jederzeit ein Dach über dem Kopf zu haben und die Freiheit, im Notfall auszuwandern.
Also schaute ich auf der Plattform im Internet nach und siehe da: Der Bus stand immer noch zum Verkauf! Ich interpretierte dies als Zeichen, dass er auf mich gewartet hatte. Kurz darauf ging ich ihn Probe fahren, verliebte mich auf den ersten Blick, und eine Woche später gehörte er mir!
Was ich dieses Mal anders machte? Ich prüfte den Bus nicht in einer Werkstatt, erstellte keine neuen Pro-Contra-Listen und verglich ihn nicht mehr mit anderen Modellen.
Kurz: Ich hörte auf mein Herz und kaufte ihn! So einfach…
Wenn ich schon so ein tolles Fahrzeug besass, das ich aufgrund seiner hellgrünen Farbe liebevoll Shrek nannte, wollte ich damit auch meine lang ersehnte Reise verwirklichen. Das ermöglichte ich mir im darauffolgenden Jahr. Ich vermietete meine Wohnung und war sechs Monate allein in Spanien und Portugal unterwegs.
Anfangs hatte ich mit allerlei technischen Hindernissen zu kämpfen. Mein Van war ja bereits 45 Jahre alt, und es war nicht einfach, den kaputten Ausgleichsbehälter zu ersetzen oder zu flicken. Doch ich liess mich nicht unterkriegen und mobilisierte all meine Kräfte und Freunde, um Shrek fahrtauglich zu machen.
Als ich dann endlich am 14. April 2022 losfuhr, machte ich am Genfersee eine Pinkel-Pause. Danach wollte der Motor nicht anspringen… Ich hätte also noch die Möglichkeit gehabt, mich nachhause schleppen zu lassen. Aber ich wollte nicht zurück. Ich wollte nur vorwärts, wenigstens über die Landesgrenze fahren. Der Bus sprang dann glücklicherweise noch an als ich mit dem Pannendienst telefonierte. Am Abend kam ich erleichtert in Aix-Les-Bains an. Nachdem ich mich im Camping angemeldet hatte, sprang er jedoch wieder nicht an…
Am nächsten Morgen erklärte mir der Techniker, dass es erst in zwei Wochen einen Platz in einer Werkstatt hätte. So lange wollte ich nicht warten. Ausserdem musste ich in 10 Tagen in einem Yoga-Zentrum in Südspanien sein, wo ich arbeiten sollte. Den Aufenthalt wollte ich nicht stornieren. Und ich wollte auch nicht in Frankreich herumsitzen. Ich wollte endlich weiterfahren. So liess ich mir ein paar Tricks zeigen, wie ich den Motor besser starten konnte, fuhr noch am gleichen Tag weiter und kam rechtzeitig in Malaga an.
Dort liess ich Shrek in einer lokalen Werkstatt reparieren. Danach fuhr ich der Küste entlang bis Portugal und wieder zurück. Unterwegs hatte ich immer wieder Probleme mit dem undichten Ausgleichsbehälter. Meine Werkstatt in Bern riet mir dann, einfach vor jedem Losfahren Wasser hineinzukippen, damit der Motor nicht überhitzte. Und das machte ich dann vor jeder Reise und kam wohl erhalten, mit einer Katze und mit vielen tollen Erlebnissen im Gepäck nach sechs Monaten wieder in Bern an.